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„Wo ist Gott?“
      Du fragst dich, wo Gott ist.
      Ich auch.

   
   
     

Denn in all dem Leid,
      in der Trauer,
      im Schmerz –
      wo ist dieses gnädige Herz,
      von dem man sagt,
      es trage uns durch alles hindurch?

   
   
     

Ist das hier Wachstum?
      Ist das Prüfung?
      Oder einfach nur… Realität?

   
        
     

Man sagt:
      Leid macht stark.
      Leid formt Charakter.
      Leid lässt uns wachsen.

   
   
     

Aber sag mir:
      Wachsen wir –
      oder werden wir nur härter?

   
   
     

Resilienter, ja.
      Stärker, vielleicht.
      Aber auch kälter.
      Abgestumpfter.
      Bereiter, Leid zu akzeptieren,
      weil man uns beigebracht hat,
      es müsse so sein.

   
   
     

Und während ich frage,
      fällt der Deckmantel des Glaubens
      auf etwas anderes:
      Gier.
      Ignoranz.
      Macht.

   
   
     

War das der Plan?
      Eine Prüfung – ja.
      Aber wofür,
      wenn mein Leben endet,
      wie es begann?

   
   
     

Ich gehe,
      wie ich kam:
      nackt.
      Ohne Hab und Gut.
      Ohne Titel.
      Ohne Besitz.
      Ohne Scham.

   
   
     

Was bleibt dann von all den Regeln?
      Von all den Systemen?
      Von all den Antworten,
      die man mir gegeben hat,
      damit ich aufhöre zu fragen?

   
   
     

Kam ER?
      Sah ER?
      Tat ER?

   
   
     

Oder liegt es an mir,
      mich selbst zu finden,
      zu kämpfen,
      zu scheitern,
      wieder aufzustehen
      und trotzdem weiterzugehen?

   
   
     

Warum all das
      in einer Welt,
      gebaut von Menschen,
      zerfressen von Menschen,
      beherrscht von wenigen
      und getragen von vielen?

   
   
     

Wenn wir nach dem Ebenbild Gottes sind,
      und diese Welt so ist,
      wie sie ist –
      ist Gott dann schlecht?
      Oder sind wir es?

   
   
     

Oder gibt es dieses „schlecht“
      überhaupt nicht mehr,
      weil wir uns längst
      von der Idee der Reinheit verabschiedet haben?

   
   
     

Wir sagen,
      wir hätten eine bessere Welt erschaffen.
      Eine gerechte.
      Eine aufgeklärte.

   
   
     

In meinen Augen
      haben wir versagt.

   
   
     

Wir haben Glauben benutzt,
      um Menschen zu lenken.
      Systeme gebaut,
      die Ordnung versprechen
      und Kontrolle liefern.

   
   
     

Weg von Nächstenliebe.
      Hin zu:
      „Liebe dich selbst –
      aber bitte nur so lange,
      wie es dem System nicht schadet.“

   
   
     

Und dann stehe ich da
      zwischen zehn Geboten
      und tausend Regeln
      und frage mich:

   
   
     

Breche ich aus einem System –
      oder wende ich mich von einem Glauben ab?

   
   
     

Wenn alles erschaffen wurde,
      hat man dann einfach
      die Leine losgelassen?
      Oder war es ein Fehler?
      Ein Moment der Unachtsamkeit?

   
   
     

Oder –
      und das ist die unbequemste Frage von allen –
      war all das Leid notwendig
      für ein Erwachen?

   
   
     

Nicht unseres.
      Seines.

     
   
     

Vielleicht ist Gott nicht fern.
      Vielleicht ist er nicht tot.
      Vielleicht schaut er zu.

   
   
     

Und vielleicht
      liegt die eigentliche Frage
      nicht darin,
      ob ich an Gott glaube.

   
   
     

Sondern ob ich bereit bin,
      Verantwortung zu übernehmen,
      wenn niemand sonst es tut.

   
 
 

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